Samstag, 18.02.2017

Bedeutung der Halswirbelsäule bei Kopfschmerz, Schwindel und Tinnitus

Der Osteopath kennt die vielen Kettenglieder

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Kopfschmerz, Schwindel und Tinnitus gehen häufig mit Verspannungen und Störungen der Halswirbelsäule einher. Bis heute wird ein Zusammenhang in der klassischen Schulmedizin eher ablehnend beurteilt, obwohl wir Osteopathen mit manueller Behandlung reversible Funktionsstörungen der oberen Halswirbelsäule oftmals lindern oder auch teilweise heilend beeinflussen können.

Die von Gottfried Gundmann vor 60 Jahren begonnenen und von seinem Schüler Hans-Dieter Wolf weiterentwickelten Untersuchungen dieser Zusammenhänge zeigen jedoch eindeutig Verbindungen, sodass die Diagnosen cervicogener, also von den Halswirbeln ausgehender, Kopfschmerz cervicogener Schwindel und cervicogener Tinnitus heute hinreichend geklärt und belegt sind. Der Mensch hat es in seiner Evolution geschafft, durch den aufrechten Stand zunehmend den Kopf gegenüber dem Rumpf zu bewegen. Diese Kopf-Eigenbewegung macht es möglich, sich gegenüber der Umwelt jederzeit optimal zu orientieren und zu behaupten (Flucht, Nahrungsaufnahme etc.).

Zur Raumorientierung brauchen wir jederzeit folgende Informationen:
Position des Kopfes relativ zum Lot der Schwerkraft
Bewegung des Kopfes relativ zur Umgebung
Position des Rumpfes relativ zum Lot der Schwerkraft
Bewegung des Rumpfes relativ zur Umgebung

Zusätzlich ruft unser Körper ständig Informationen aus mehreren Sinnesorganen ab (siehe auch OrthoJournal Ausgabe 28):
optische Meldung der Augen über die Bewegung relativ zur Umwelt
Meldungen aus dem Gleichgewichtsorgan über die Richtung der Schwerkraft sowie der Drehbeschleunigung
Information aus der Gehör-Schnecke über die Herkunft der Schallwellen
Meldung aus der Halsmuskulatur, dem Kopf und den Wirbelgelenken über die Stellung des Kopfes in Relation zum Rumpf
sensible Meldungen aus den Hautrezeptoren vor allem der Fußsohle

Das Gehirn als Rechen- und Informationszentrale

Alle diese Informationen werden in unserem Gehirn zusammengeführt und über verschiedene Leitungsbahnen in die unterschiedlichsten Regionen unseres Gehirnes weitergeleitet. Die Kopf-Rumpf-Koordination ist letztlich eine mathematische Operation, in der Informationen aus den oben genannten Sinnesorganen sich gegenseitig bestätigen. Wahrnehmungen aus den Hirnnerven stehen Informationen aus den Nacken-Rezeptoren gegenüber, die den Kopf-Rumpf-Winkel errechnen und dadurch die Lage des Körpers im Raum feststellen, um dann wiederum die notwendigen muskulären Gleichgewichtsreaktionen zu veranlassen.

Störungen führen zu Widersprüchen

Jede Störung, vor allem der oberen Halswirbelsäule (C0 – C3), führt zu widersprüchlichen Informationen der Sinnesorgane und dadurch zu empfindlichen Gleichgewichtsstörungen. Als Osteopathen haben wir zunächst die kinematischen  (d. h. Bewegung von Punkten und Körpern im Raum) Ketten zwischen Schädel, Unterkiefer, Halswirbelsäule, oberer Brustwirbelsäule, 1. Rippe und Brustbein einschließlich der verbindenden Muskeln im Auge (s. Abb.). Wichtig ist dabei die segmentale berührende Untersuchung mit Auffinden von Kapselschwellungen, Schmerzprovokation, Bewegungsanalyse der Wirbelgelenke, unterschiedlicher Gewebespannung, Wärme, Hautfarbe etc. Wichtig ist dabei, dass schwere degenerative Veränderungen zur Einschränkung der Halswirbelsäulenbeweglichkeit führen, aber nicht zwangsläufig zu Symptomen. Symptome wie Kopfschmerzen, Schwindel und Tinnitus haben nicht selten ihre Ursachen in einer segmentalen Funktionsstörung der obersten 3 Bewegungssegmente der Halswirbelsäule!

Die heutige Standarddiagnostik beinhaltet Untersuchungen beim Hals-Nasen-Ohrenarzt, Neurologen, Zahnarzt (Bissasymmetrien von größer als 0,1 mm wirken sich auf die muskuläre Kette der Halswirbelsäule aus) und Orthopäden, um eine möglichst frühe Problemanalyse zu gewährleisten.

Optimierung der Prozesse

Die neuronale Plastizität spielt in diesem Zusammenhang eine wesentliche Rolle. Unter dem Begriff versteht man die Eigenart von Synapsen (Nervenverbindungen), Nervenzellen oder auch ganzen Hirnarealen, sich zwecks Optimierung laufender Prozesse in ihrer Anatomie und Funktion zu verändern. Je nach betrachtetem System spricht man zum Beispiel von synaptischer Plastizität oder kortikaler Plastizität. Eine solche Veränderung kann die Ursache für einen Wegfall von hemmenden Filtern sein und Schmerzwahrnehmung beim chronischen Schmerz schon nach 6 bis 10 Wochen verändern. Die neuronale Plastizität kann auch beim Tinnitus auftreten, wenn es nicht gelingt, krankhafte Faktoren auszuschalten. Hierbei ist die Manualmedizin und Osteopathie sehr wirkungsvoll und kann hier insbesondere in der Frühphase einen lindernden oder gar heilenden Effekt erzielen.

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Dr. Christian Merkl, Facharzt für Orthopädie, Diplom-Osteopath (D.O.M.TM), Mitglied der Regensburger OrthopädenGemeinschaft